Rund 300 geflüchtete Menschen leben derzeit in der Anschlussunterbringung in Neckarsulm. Nach dem Abschluss ihres Asylverfahrens haben sie mit ihrer Familie oder als Einzelperson eine städtische oder private Wohnung bezogen und gehören nun zur Neckarsulmer Einwohnerschaft. Wer sind diese Menschen? Woher kommen sie, welche Erfahrungen haben sie in Deutschland gesammelt, was bewegt sie, und welche Wünsche und Hoffnungen haben sie? In einer Serie kommen Geflüchtete in Neckarsulm zu Wort und erzählen ihre Geschichte.

Familie Wabbi aus Syrien

Zur Familie Wabbi gehören Jalal Wabbi, seine Frau Safaa Abou Arshid und die beiden Kinder Marya (6) und Sophia (4). Der Vater flüchtete 2015 vor dem Bürgerkrieg in Syrien nach Deutschland und kam nach Neckarsulm. 2016 holte er seine Familie nach.
 
Jalal Wabbi: „Ich war bei der Ankunft sehr glücklich, endlich in Deutschland angekommen zu sein und hier sicher vor dem Krieg zu leben. Trotzdem hatte ich auch etwas Angst vor dem ganzen Neuen, das auf mich zukam. Für mich war es am Anfang sehr schwer, ohne meine Familie zu leben. Es hat 15 Monate gedauert, bis ich meine Familie wieder in die Arme schließen konnte. Aber durch die große Hilfe der Deutschen, besonders des Freundeskreises Asyl, fiel mir das Ankommen relativ leicht.

Ich vermisse meine Verwandten und Freunde sehr. Sie sind überall verteilt: in Kanada, Frankreich, Österreich, der Türkei. Es ist teilweise schwer, den Kontakt über diese Entfernungen zu halten.

Ich habe in Syrien als Zahnarzt und Mund-, Kiefer-, Gesichtschirurg gearbeitet. Ich habe fünf Jahre an der Universität studiert. Danach habe ich weitere fünf Jahre studiert, um Kieferchirurg zu werden. In Deutschland muss man erst Allgemeinmedizin studieren, um Kiefer- und Gesichtschirurg zu werden. Aber ich kann hier als Zahnarzt arbeiten. Damit ich in diesem Beruf arbeiten darf, musste ich eine Kenntnisprüfung ablegen. Ich habe bereits den Fachsprachkurs ‚C1 Medizin‘ und auch die Fachsprachprüfung bestanden. Im Moment könnte ich schon als Assistenzarzt arbeiten. Ich habe mich auch schon auf sehr viele Stellen beworben. Ich möchte in Deutschland weiter an meiner beruflichen Anerkennung arbeiten. Außerdem möchte ich mich zum Kieferorthopäden weiterbilden und als solcher hier arbeiten. Ich würde gerne genauso gut Deutsch sprechen können wie die Deutschen hier. Für mich ist es sehr wichtig, die zahnärztliche Approbation zu bekommen. Wenn das klappen würde, darüber würde ich mich sehr freuen.

Für meine Familie wünsche ich mir Gesundheit und Sicherheit. Besonders meinen Kindern wünsche ich ein besseres Leben, als wir es in den letzten Jahren in Syrien hatten. Ich wünsche mir für meine Kinder, dass wir in Deutschland bleiben können. Marya und Sophia erinnern sich kaum an Syrien, und beide sehen Deutschland als ihre Heimat an.
Ich möchte mich für die große Hilfe bedanken, die wir in Deutschland bekommen. Ich bin zuversichtlich, dass wir uns hier ein gutes Leben aufbauen und in Sicherheit leben können.“

Safaa Abou Arshid: „Ich hatte es am Anfang etwas einfacher, da mein Mann schon hier lebte und sich schon auskannte. Wir haben uns hier schnell eingelebt. Besonders war für uns der erste Schultag von Marya. Auch der erste Tag im Kindergarten von Sophia war etwas ganz Besonderes.

Es gibt große Unterschiede zum Leben in Syrien. Besonders sind uns die anderen Essenszeiten am Anfang aufgefallen. Aber auch das Schulsystem ist anders und sehr gut hier. Die Städte hier sind auch ganz anders. Viel schöner und grüner und sehr gut organisiert. Die Deutschen sind sehr nett, sehr direkt, immer pünktlich, lesen sehr gerne, sind sehr gut organisiert und planen viel im Voraus. Ich habe in Damaskus ein Jahr im Bereich Bauingenieurwesen studiert. Leider musste ich aber wegen des Krieges das Studium abbrechen und habe somit keinen Abschluss. Ich mache gerade einen B2-Kurs in der Volkshochschule Neckarsulm. Nach meiner Deutschprüfung möchte ich eine Ausbildung in einem ähnlichen Bereich anfangen. Mir macht das Zeichnen großen Spaß. Und ich habe in Syrien auch schon Erfahrungen als Bauzeichnerin gesammelt. Deshalb möchte ich in Deutschland eine Ausbildung als Bauzeichnerin beginnen.“ (Protokoll/Foto: Nico Markert)

Familie Karimi aus Afghanistan

Zur Familie Karimi gehören Ali und Habibeh Karimi und die drei Kinder Sarina (11), Maria (5) und Moones (sechs Monate). Die Familie kam 2014 nach Deutschland. Die ersten beiden Wochen verbrachte sie in Karlsruhe und zog dann nach Untereisesheim um. Seit April 2017 bewohnt die Familie dort eine eigene Wohnung. Ansprechpartner für geflüchtete Menschen im Raum der Verwaltungsgemeinschaft Neckarsulm-Erlenbach-Untereisesheim sind die Integrationsmanager. Sie sind im Auftrag der Verwaltungsgemeinschaft tätig und werden von der Stadt Neckarsulm befristet beschäftigt. Die Personalkosten trägt das Land im Rahmen des Paktes für Integration.

Ali Karimi: „Die Reise war nicht so gut. Hier in Deutschland geht es uns aber sehr gut. Hier haben wir Rechte. Ich durfte den Führerschein machen und arbeiten. Ich habe bereits im Dezember 2014 angefangen zu arbeiten. Seit 2016 arbeite ich als Helfer bei der Firma Losberger. In Afghanistan habe ich manchmal als Händler oder auch als Fliesenleger gearbeitet.
   
Ich habe schnell eine Arbeitsstelle gefunden. Am Anfang war es schon schwierig, andere Deutsche kennen zu lernen. Es gab hier aber auch zwei nette Deutsche, die mir geholfen haben. Nur wenn ich etwas gar nicht verstand, habe ich diese beiden Männer um Hilfe gebeten. Ich frage nicht so gerne um Hilfe. Deshalb mache ich viel selbst.
   
Ich habe viel zu lange gebraucht, um die Sprache zu lernen. 2015 habe ich bei der Agentur für Arbeit einen dreimonatigen Deutschkurs gemacht. Anschließend hat meine Arbeitsfirma einen Deutschkurs angeboten. Sechs Monate lang haben wir zweimal in der Woche nach der Arbeit Deutsch gelernt.    
Gleich am Anfang ist mir die Pünktlichkeit aufgefallen. Das finde ich eigentlich gut. Aber am Anfang fiel es uns schwer, sich daran zu halten. Mittlerweile klappt es aber ganz gut. Auch die Ordnung und Sauberkeit sind uns aufgefallen. Das gefällt meiner Frau und mir sehr gut.
Ich sehe hier immer die alten Leute, die im Garten oder am Haus arbeiten. Das fand ich interessant. Von Afghanistan kenne ich das nicht. Dort haben die alten Leute nicht gearbeitet.

Ich habe viele Wünsche. Das Wichtigste für mich ist, meinen Kindern eine sichere Zukunft zu bieten. Ich möchte alles dafür tun, dass es ihnen mal besser geht als mir. Wichtig ist mir auch, in Ruhe zu leben.“

Habibeh Karimi: „Mein größter Wunsch ist, endlich den Führerschein zu machen und dann auch arbeiten gehen zu können. In Afghanistan habe ich nicht gearbeitet. Wenn mein jüngstes Kind etwas älter ist, möchte ich Erzieherin werden oder eine Ausbildung zur Konditorin machen.

Sarina ist auf dem Gymnasium in Bad Wimpfen. Bei ihr hat es in der Schule bisher sehr gut geklappt. Nach der vierten Klasse waren wir unsicher, ob wir sie auf die Realschule oder das Gymnasium schicken sollten. Wir haben dann nochmal einen Test mit ihr gemacht. Dabei kam heraus, dass sie auf das Gymnasium gehen soll. Sie ist jetzt in der sechsten Klasse. Sie will es unbedingt schaffen und lernt sehr viel.

Maria besucht den Kindergarten ‚Abenteuerland‘ in Untereisesheim. Meine Kinder haben schon einige Freunde gefunden. Und auch wir haben Kontakt zu ein paar deutschen Familien.“
(Protokoll/Foto: Nico Markert)

Familie Zolfaghari aus Afghanistan

Zur Familie gehören Fatima und Arif Zolfaghari sowie der elfjährige Sohn Daniel. Die afghanische Familie kam vor vier Jahren aus dem Iran. Sie flüchtete nach Deutschland, weil Menschen afghanischer Herkunft im Iran diskriminiert und häufig Opfer von Gewalt werden. Sie haben dort nur wenige Rechte. Seit drei Jahren wohnt Familie Zolfaghari nun in Neckarsulm.

Fatima Zolfaghari: „Ich fühle mich gut in Deutschland, aber der Anfang in Deutschland war sehr schwierig. Die Sprache hat sich wie Musik angehört, und ich habe nichts verstanden. Obwohl ich das lateinische Alphabet konnte, hatte ich viele Schwierigkeiten, Deutsch zu lernen. In Deutschland sprechen die Menschen Dialekt, aber nicht so sehr wie im Iran. Das ist leichter für mich. Es ist einfacher, mit älteren Menschen Kontakt aufzunehmen. Sie sind sehr geduldig und immer interessiert daran, woher ich komme.

Ich habe mich noch nicht hundertprozentig hier eingelebt, vielleicht zu 50 Prozent. Aber trotzdem ist Deutschland meine Heimat.

Ich habe zwar im Iran gelebt, bin aber Afghanin. Im Iran habe ich vier Jahre lang Mathematik studiert. Aber ich habe kein Zertifikat. Wenn es zwischen Iran und Afghanistan Konflikte gibt, dann dürfen die afghanischen Studenten nicht mehr weiterstudieren.

Mein Sohn besucht die Realschule. Er möchte aber auf das Gymnasium. In Mathe ist er sehr gut, aber in Deutsch ist er nicht so gut. Die Diktate sind sehr schwer.

Das Schulsystem ist meiner Meinung nach hier besser als in Afghanistan und Iran. Es ist modern, und die Schüler können kostenlos in die Schule gehen. Im Iran und Afghanistan muss man dafür Geld bezahlen. In Afghanistan können deswegen viele Kinder nicht in die Schule gehen. Sie haben kein Geld dafür. Mir gefällt auch, dass es in Deutschland nicht wichtig ist, woher jemand kommt.

Ich finde es gut, dass es in Deutschland viele Gesetze gibt. Trotzdem gibt es viel Freiheit. Ich stoße aber auch immer wieder auf Gesetze, die für mich fremd sind und die ich nicht verstehe. Im Iran gibt es Gesetze, die bleiben 20 Jahre lang gültig. Die ändern sich nicht so schnell. Hier ändern sich die Gesetze nach meinem Eindruck sehr schnell.

Auch die Krankenversicherung ist viel besser als im Iran. Dort müssen alle privat vorsorgen. Die afghanischen Menschen dürfen keine Krankenversicherung im Iran abschließen. Wir müssen einen Monat arbeiten, um einen Krankenhausaufenthalt zu bezahlen. Viele gehen gar nicht erst zum Arzt. Ein guter Arzt ist sehr teuer.

Ich möchte gerne in Neckarsulm bleiben, ich lebe gerne hier. Meine Nachbarin ist sehr nett, und meine Wohnung ist auch gut. Ich lebe lieber in einer kleinen Stadt, nicht in einer Großstadt wie München oder Stuttgart. Es ist ruhig, und es gibt nicht so viele Autos.

Mein Traum ist es, perfekt Deutsch sprechen zu können. Für meinen Sohn wünsche ich, dass er hier in Deutschland studiert.“
(Protokoll/Foto: Maryam Yari)